Die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die IT

Interview mit Rüdiger Ernst, Director Advisory & Consulting und Enrico Stark, Consulting Manager Technology Tranformation , zu den Auswirkungen der digitalen Transformation auf die IT

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Wo stehen wir Ihrer Einschätzung nach heute in Deutschland mit der Digitalisierung?

Ernst:  Die Digitalisierungswelle hat die Unternehmen auf breiter Front erreicht. Initiativen und Pilotprojekte in den Unternehmen münden nun in den realen Betrieb. Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei, nun wird es ernst. Von dieser Entwicklung ist keine Branche ausgenommen. Der digitalen Transformation kann sich kein Unternehmen mehr verschließen.

Welche Rolle spielt die IT-Organisation bei der digitalen Transformation: Enabler oder Verhinderer?

Ernst:  Nach einer aktuellen Umfrage von Gartner unter knapp 1000 Unternehmen haben 91 Prozent der IT-Verantwortlichen weltweit keinerlei Zweifel daran, dass sie eine Hauptrolle im Prozess der digitalen Transformation ihres Unternehmens spielen. Doch 59 Prozent geben zu, dass ihre IT-Organisation nicht für diese Aufgabe gewappnet ist – weder heute noch in den nächsten zwei Jahren.

Rüdiger Ernst_Klein
Rüdiger Ernst – Director Advisory & Consulting

Sind diese Ergebnisse für Sie nachvollziehbar?

Stark:  Die Zahlen finde ich alarmierend. Sie sind ein Weckruf für die IT-Verantwortlichen und entsprechen leider der Realität, wie wir sie in den Unternehmen antreffen. Eine Reihe von IT-Organisationen haben die Zeichen der Zeit erkannt und sich erfolgreich als Enabler der digitalen Transformation positioniert. Doch die Mehrzahl –und das belegt die Gartner-Umfrage – fühlt sich von der Digitalisierungswelle regelrecht überrollt. Ihnen fehlen die Ressourcen und das Know-how, um die digitale Transformation im Unternehmen voranzutreiben. Dies betrifft sowohl die Technologie als auch die Prozesse sowie Mitarbeiter und Unternehmenskultur. Letztlich muss sich im Zuge der Digitalisierung auch die IT neu erfinden.

Enrico Stark
Enrico Stark – Consulting Manager Technology Tranformation

Welche Konsequenzen kann es haben, wenn IT-Organisationen das Thema digitale Transformation so schleppend angehen?

Stark:  Wenn die IT ihre führende Rolle in diesem Prozess nicht wahrnimmt, setzt sie ihre Rolle aufs Spiel – und gefährdet im schlimmsten Fall sogar die digitale Transformation des Unternehmens, weil sie neue digitale Geschäftsmodelle nicht unterstützen kann.

Sie mahnen die IT, sich selbst neu zu erfinden und zu transformieren. Was macht es Ihnen so schwer, diesen Weg zu verfolgen?

Ernst:  Die IT-Organisationen haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Mantras verinnerlicht und gebetsmühlenartig wiederholt, die ihnen heute bei der Transformation im Wege stehen. Dazu gehören die rigorose Standardisierung von Prozessen und Technologien, die verstärkte Nutzung von Commercial-off-the-Shelf-Produkten sowie der Zwang zur permanenten Kostensenkung und -kontrolle. Dadurch hat die IT ein großes Stück ihrer Flexibilität sowie ihrer Innovationskraft und Kreativität eingebüßt – beides aber benötigt sie nun dringend.

Zur Verbreitung dieser Mantras haben IT-Berater – einschließlich Hewlett Packard Enterprise – in den vergangenen Jahren maßgeblich beigetragen. Ist dies nun ein Wende um 180°?

Ernst:  Nein, diese Entwicklungen waren und sind grundsätzlich sinnvoll, aber eine zu starke Fokussierung darauf führt in die Sackgasse. Im Zeitalter der digitalen Transformation muss sich die IT als Enabler und Differentiator begreifen. Auf deutsch: Sie muss die Chance ergreifen, die digitale Transformation im Unternehmen zu ermöglichen und dabei dem Business entscheidende Impulse geben, die von niemand anderem kommen können.

Wie sieht die Finanzierung von Digitalisierungsprojekten aus?

Stark:  In der Regel gibt es dafür einen Business Case, der Druck kommt ja aus den Fachbereichen. Sie machen der IT Dampf, solche Projekte schnell umzusetzen. Kann die IT diesem Wunsch nicht nachkommen, weil es ihr an entsprechender flexibler Technologie und Strukturen fehlt, greift das Business heute sehr schnell zu anderen Lösungen aus der Cloud. Dies führt zu einer Schatten-IT mit allen negativen Konsequenzen. Im schlimmsten Fall entsteht ein Image-Schaden für das Unternehmen, zum Beispiel wenn mobile Apps, die der Vertrieb nutzt, nach einem Betriebssystemwechsel des Smartphone-Herstellers nicht mehr funktionieren. Das ist unprofessionell und peinlich.

Was kann die IT tun, um flexibler, innovativer und kreativer zu werden – ohne dass das Tagesgeschäft der IT-Betrieb darunter leidet und die Kosten explodieren?

Ernst:  Wie schon gesagt, muss man sich die drei großen Bereich Technologie, Prozesse sowie Mitarbeiter und Unternehmenskultur gemeinsam anschauen. Wir empfehlen dabei keineswegs, die IT komplett auf den Kopf zu stellen. Es muss auch nicht alles State of the Art, agil und flexibel sein, sondern nur dort, wo es tatsächlich benötigt wird. Es gibt IT-Systeme und Workflows, die wenig Veränderungen unterliegen.

Beginnen wir auf der Technologie-Seite: Welche Schritte empfehlen Sie hier? 

Stark:  Noch bevor IT-Verantwortliche sich damit befassen, sollten sie sich als erstes Gedanken über ihre IT-Cloud-Strategie machen. Dabei gibt es kein Entweder-Oder aus meiner Sicht, denn jedes Unternehmen verfügt über unternehmenskritische Systeme, die es lieber traditionell oder über eine Private Cloud betreibt oder aus regulatorischen Anforderungen heraus intern betreiben muss. In der Regel sind dies  betriebswirtschaftliche Anwendungen und Produktionssteuerungssysteme. Wenn es hingegen um Anwendungen im Bereich Marketing und Vertrieb geht, dann ist im Hinblick auf die digitale Transformation Geschwindigkeit gefragt. Und dies lässt sich mit der Bereitstellung über eine Public Cloud am besten realisieren. Insofern halten wir ein hybrides Delivery-Modell mit dem richtigen Mix im Hinblick auf die Anforderungen und die bestehenden Systeme für die beste Lösung, um die Flexibilität und Geschwindigkeit in der IT zu erhöhen.

Was schlagen Sie noch vor, um die Schlagzahl in der IT zu erhöhen?

Ernst:  Die Ressourcen sind in allen IT-Organisationen knapp. Deshalb empfiehlt es sich, den Betrieb etwa von Legacy-Anwendungen an einen Outsourcing-Partner zu übergeben. Dadurch haben die Mitarbeiter in der IT den Rücken frei für die strategisch wichtigen Themen der digitalen Transformation.

Wie bekomm ich diese Flexibilität in der Organisation verankert? Müssen künftig alle nach agilen Methoden arbeiten?

Stark:  Nein, der große U-Turn für die IT-Organisation, wie ihn beispielsweise Forrester vorschlägt, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Ich halte es für besser, mit einem kleinen Team zu beginnen, das sich flexiblen Themen und schnelllebigen IT-Umgebungen widmet – und selbst agil agiert. Die Mitarbeiter müssen schließlich mitgenommen werden bei diesen Veränderungen in der Organisation.