Blockchain kann die Bankenbranche umwälzen

Blockchain ermöglicht dezentral kontrollierte, sichere Transaktionen

Blockchain entwickelt sich vom Schreckgespenst der Finanzindustrie zum Hoffnungsträger der Branche. Viele Unternehmen haben bereits das Potenzial der Technologie erkannt und entwickeln mit ihr neue Anwendungen. Dazu ist aber ein Aufbau von multidisziplinären Kompetenzteams und externen Partnernetzwerken nötig.

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Obwohl es sie noch nicht einmal zehn Jahre gibt, hat die Blockchain-Technologie schon viele Imagewechsel durchgemacht. Bekannt wurde sie 2009 als Basis für die Kryptowährung Bitcoin, die aber mangels Verbreitung zunächst nicht ernst genommen wurde. Das änderte sich aber schnell: Anfang 2017 waren Bitcoins im Wert von 17 Milliarden US-Dollar im Umlauf, wie Faisal Siddiqi, Enterprise Architect bei DXC Technology, in einem Blogeintrag schreibt. Mit der wachsenden Popularität und Bedeutung der Kryptowährung avancierte sie in der Finanzindustrie zur Bedrohung der Geschäftsmodelle, weil sie dank Blockchain ohne das Mitwirken der Banken funktioniert. Vor etwa zwei Jahren warnte die Britische Bankenvereinigung BBA in einem Bericht, dass eine weiter steigende Popularität der Kryptowährungen die Umsätze der Banken gefährde und die Banken schnellstens auf die Veränderungen reagieren müssen. Heute sehen aber viele Studien, darunter eine von Roland Berger verfasste, die Blockchain nicht mehr als bloße Bedrohung für die Platzhirsche der Finanzindustrie. „Für die Finanzdienstleister stellen auf Blockchain beruhende Anwendungen nicht nur eine Herausforderung für die herkömmlichen Business-Modelle dar – sie stellen auch eine Möglichkeit dar, neue Anwendungen zu schaffen und interne Prozesse zu rationalisieren“, heißt es in der Roland-Berger-Studie.

So könnte Blockchain als Basis für neue Bankensysteme dienen und Zahlungen beschleunigen, wie es bereits von einigen Gesetzgebern und Regulierern verlangt wird. Auch B2B-Zahlungen und der Tausch von Währungen könnten mit Blockchain effizienter ablaufen.

Aber noch erkennen viele Verantwortlichen in den Banken das Potenzial der neuen Technologie nicht. Laut einer von DXC unlängst durchgeführten Studie halten 35 Prozent der Bankmanager Blockchain für eine Modeerscheinung ohne praktischen Nutzen für die Kunden und 39 Prozent der Banken in Deutschland kümmern sich noch nicht um die Technologie.

Häufig fehle bereits das grundlegende Wissen über Blockchain: „Viele neigen dazu, Blockchain und Bitcoin zu verwechseln, und es ist alarmierend, dass sie das eine nicht vom anderen unterscheiden können“, schreiben die Autoren des DXC-Whitepapers „Blockchain in the financial services industry“. Solange die Vorstände solche grundlegenden Dinge nicht verstehen, werden Blockchain-Anwendungen in ihren Instituten kaum eine Chance haben.

"Viele neigen dazu, Blockchain und Bitcoin zu verwechseln, und es ist alarmierend, dass sie das eine nicht vom anderen unterscheiden können."
Andere haben das Potenzial hinter Blockchain aber verstanden und geben sich laut der DXC-Studie optimistisch: So glaubt ein Viertel der befragten Manager, dass noch 2017 erste Blockchain-Angebote für Endkunden verfügbar sein werden, weitere 29 Prozent sind der Ansicht, dass das bis spätestens 2019 geschehen werde.

„Bauen Sie Know-how auf!“, rät Sascha Schwarz, Managing Partner bei DXC Technology und Leiter des Bereichs Consulting für Banking & Capital Markets in der Region Nord-, Zentral- und Osteuropa, in einem Interview. „Wichtig ist, dabei ein Team zusammenzustellen, das über entsprechende Branchenkenntnisse sowie fachliche und technische Kompetenz verfügt.“ Ganz so wie es Dr. Markus Hablizel, Head oft he Data Tribe bei der Allianz Deutschland macht. Er hat schon vor einiger Zeit im Allianz-Intranet eine Blockchain-Community ins Leben gerufen, die heute über 400 Follower umfasst, wie er in einem Interview für die Roland-Berger-Studie berichtet. Sie diskutieren Blockchain-Use-Cases und deren Auswirkung auf die Versicherungsindustrie. In der Community bringen sich Leute mit unterschiedlichen Hintergründen ein. Manche sind technisch bewandert, andere kennen sich bei Compliance- und Regulierungsfragen aus oder diskutieren das Thema aus einer Business-Perspektive.

Einen anderen Weg zeigt DXC-Manager Schwarz auf: „Denkbar wäre auch, gemeinsam mit einem der bereits am Markt tätigen Anbieter neue Anwendungen zu entwickeln oder bestehende einfach zu beziehen.“ Für eine solche Zusammenarbeit stehen nicht nur große Player, sondern auch viele kleinere Unternehmen bereit: Von mehr 190 Startups, die sich mit Blockchain in der Finanzbranche beschäftigen, berichten die Autoren des DXC-Papiers. Sie können auf viele neue Innovationen, umfassende finanzielle Unterstützung und großes Interesse der Banken-Platzhirsche setzen. „In den vergangenen drei Jahren wurden mehr als 2500 Blockchain-Patente erteilt, 1,4 Milliarden US-Dollar an Risikokapital vergeben und das führende Blockchain-Konsortium zählt 45 der weltweit größten Finanzinstitute zu seinen Mitgliedern“, schreibt Jesse McWaters, der beim World Economic Forum Projektleiter für Disruptive Innovation in Financial Services ist.

„In den vergangenen zwölf Monaten ist viel im Bereich der Blockchain geschehen“, fasst Sascha Schwarz zusammen. „Die meisten Großbanken und Versicherungsunternehmen aber auch die Industrie beschäftigen sich mit diesem Thema und haben bereits Use Cases in Prototypen umgesetzt. Wenn sich die Marktteilnehmer jetzt damit beschäftigen, ist der Zug noch längst nicht abgefahren.“