DXC und Industrie 4.0

DXC legt bei Industrie 4.0 Fokus auf Partnerschaften und Verbundplattformen

Johannes Diemer, Consultant für Industrie 4.0 bei DXC Technology, sprach mit BVEx-Redakteurin Helen Beckett über die Rolle von Partnerschaften, Ökosystemen, und offenen Verbundplattformen in der Fertigung und Produktion. DXC ist mit seiner Industrie-4.0-Plattform und drei Industrie-Allianzen Protagonist in beiden Bereichen. Das erweist sich als hilfreich oder ist sogar miteinander verknüpft, wie die Aussagen von Diemer zeigen.

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BVEx: Inwiefern helfen Allianzen bei der Zusammenstellung von Ökosystemen und wie bringen sie Industrie 4.0 voran?
Johannes Diemer:
DXC weiß um die große Bedeutung von Ökosystemen für die Industrie 4.0 und ist daher einigen strategischen Allianzen beigetreten, um Proof Points, funktionierende Prototypen und Use Cases für eine smarte, vernetzte Fertigung zu schaffen. Unter anderen zählt das Fraunhofer-Institut zu unseren Partnern, mit dem wir eine offene Verbundplattform und Virtual Fort Knox (VFK), ein sicherer Marktplatz für die Fertigung, geschaffen haben.
Andere wichtige Forschungs- und Ökosystempartner sind die Forschungsplattform ARENA2036, die neue Materialien, künftige Produktionsmodelle und Geschäftsprozesse für die Automobilindustrie erforscht. Die Industrial-Data-Space-Initiative IDS ist der dritte wichtige Partner von DXC. Die vom Fraunhofer-Institut gesteuerte Initiative möchte die Datenhoheit in der offenen Welt der Ökosysteme etablieren.

BVEx: Welche Innovationen haben wir der Zusammenarbeit von Fraunhofer IPA und DXC zu verdanken?
Diemer:
Wir haben einen Durchbruch geschafft bei der der wichtigen Fragestellung, welche Rolle Vertrauen und Akzeptanz bei der Schaffung einer Verbundplattform für die Fertigung spielen. Wir haben ein Ökosystem aufgebaut, das sicher ist und so für Nutzer attraktiv ist.
„Warum soll ich Virtual Fort Knox nutzen?“ Sind mein wirtschaftliches Know-how und mein geistiges Eigentum innerhalb der Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit ausreichend geschützt?“ – das sind typische Fragen, die man zufriedenstellend beantworten muss; nicht nur auf technischer Ebene, sondern auch unter sozio-emotionalen Aspekten. Will man Akzeptanz schaffen, muss man für alle Beteiligte ein gutes Angebot machen sowie ein überzeugendes Sicherheitskonzept und eine Vertrauensbasis bieten. Wir nennen das Akzeptanzdreieck. Dabei ist Vertrauen ein wichtiger Faktor, der auf Transparenz und Kommunikation beruht und die anderen beiden Werte transferiert. Außerdem haben wir entdeckt, dass aktive Partizipation einen wichtigen Beitrag zur Vertrauensbildung leistet: Wer sich engagiert und von einer Mitgliedschaft profitiert, erfährt das positive Gefühl, Einfluss nehmen zu können. Deshalb empfehlen wir, dass die Plattform mit einem kollaborativen Konzept betrieben werden soll.

BVEx: Was haben Sie im Rahmen der Partnerschaft gelernt?
Diemer:
Ganz am Anfang meines Engagements im Produktionsbereich musste ich lernen, dass die Leute in der Fertigung, die sich auf die Betriebstechnik konzentrieren, eine eigene Sprache sprechen. Das gilt übrigens  auch für Systemingenieure und Automationsexperten. Die Partnerschaft mit dem Fraunhofer IPA trug dazu bei, die Verständnislücken zu schließen, die durch die verschiedenen Sprachen entstehen. Außerdem habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Spezialwissen verschiedener Bereiche miteinander zu verknüpfen. Das war sehr produktiv und die Zusammenführung von Wissen ermöglichte völlig neue Denkansätze für die Lösung von Fertigungsproblemen.
Wir können verschiedene Aspekte optimieren, indem wir uns auf die Endanwendung konzentrieren. Das wiederum hilft, den Fokus des Ökosystems zu halten. Verschiedene Sichtweisen der Betriebstechniker, die mehr an die Produktion denken, werden mit der Denkweise der IT kombiniert, die mehr das Business und die Kundenbeziehung im Auge hat. Das ist natürlich eine vertrauensvolle Beziehung.

BVEx: Was muss man sich unter der ARENA2036-Allianz vorstellen?
Diemer: ARENA2036 ist ein geschlossenes Konsortium unter Beteiligung des Fraunhofer IPA, Daimler und Zulieferern mit Schwerpunkt Materialwissenschaft und Fertigung. Das Konsortium wurde von Daimler gegründet, um die künftige Konzepte für die Motorenfertigung zu erforschen. Damals beunruhigten Daimler vor allem zwei Aspekte:

  • Andere Materialien: Verbundwerkstoffe ersetzen Metalle
  • Bei der Fertigung geht es nicht mehr um sequentielle Produktion, sondern um Mobilität, was flexible und anpassungsfähige Produktionstechnologien und -modelle nach sich ziehen würde. Schon jetzt wurden aus Produktionslinien Produktionsinseln und Produkte können auf mehrere Arten in den verschiedenen Stationen der Fertigung nachverfolgt werden.

Der sichere Austausch von Datensätzen bei gleichzeitigem Erhalt der Datenhoheit ist wichtig, um das Potenzial von Industrie 4.0 zu erschließen.
DXC wurde eingeladen, um Beiträge zur Forschung über flexible Fertigung zu leisten. Das Konsortium führt streng vertrauliche Forschungsarbeiten durch und die Mitgliedschaft bei ARENA2036 gibt DXC Zugang zu zukünftigen Produktideen und zu den Ökosystemen von Firmen wie Bosch, Siemens, Festo und anderen.

BVEx: Bringt das Konsortium noch weitere Vorteile?
Diemer:
ARENA2036 ist die ideale Plattform, um die Vorreiterrolle bei DXCs Industrie-4.0-Projekten ständig auszubauen. Unter den Mitgliedern befinden sich Schwergewichte wie Bosch, Siemens, Kuka, Pilz und Faro und die Zusammenarbeit mit ihnen hat bereits zu einer veränderten Denkweise in unserer Arbeit mit den Kunden geführt. Durch die Einführung der Value-Proposition-Idee in die Produktionslinien und -Prozesse können wir den Herstellern und unseren Partnern helfen zu verstehen, wie man optimale Ergebnisse erzielt.
Außerdem helfen die Mitgliedschaft in der Allianz und der damit verbundene Zugang zu neuen Ideen und Ökosystemen uns als Integrator neue Ende-zu-Ende-Lösungen für unsere Kunden zu schaffen.

BVEx: Was ist Industrial Data Space IDS?
Diemer:
Angesichts des Datenaustauschs zwischen den drei Bereichen der vertikalen Integration, Produktlebenszyklen und horizontalen Lieferketten muss man die Datenhoheit sicherstellen. Außerdem muss man das intellektuelle Eigentum der Nutzer dieser Daten schützen. Um das zu schaffen und zu garantieren haben zwölf Fraunhofer-Institute das auf drei Jahre angelegt Industrial-Data-Space-Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das mit Mitteln des Bundes finanziert wird. Die Ziele sind:

  • Die Entwicklung eines Referenzarchitekturmodells für den Industrial Data Space
  • Realisierung eines Piloten des Referenzarchitekturmodells in ausgesuchten Use Cases.

BVEx: Warum hat die Datenhoheit eine so große Bedeutung für Industrie 4.0?
Diemer:
Der sichere Austausch von Datensätzen bei gleichzeitigem Erhalt der Datenhoheit ist wichtig, um das Potenzial von Industrie 4.0 zu erschließen. Die rechtliche Seite ist bisher noch nicht geklärt. Vor dem Gesetz haben die Daten einen Eigentümer und Urheberschutz. Für Industrie-4.0-Anwendungen benötigen wir aber einen Datenschutz, der auch einen Austausch der Daten für die Mehrwertgenerierung ermöglicht. Das Ziel von IDS ist der Schutz des Dateneigentums und des Urheberrechts auf der Kommunikationsebene der Infrastruktur mittels Kontext-sensitiven Datencontainern: Letztere sind so konfiguriert, dass nur vertrauenswürdige, zertifizierte Nutzer mit den benötigten Zugriffsrechten Zugang zu ihnen haben.

BVEx: Welche Rolle hat DXC bei der Weiterentwicklung von Industrie 4.0?
Diemer: Ich bin Mitglied des Steuerungsgremiums der Plattform Industrie 4.0 und leite die Arbeitsgruppe Forschung und Innovation. Außerdem bin ich Mitglied des wissenschaftlichen Beratungsgremiums. Weil sich die Standardisierungsprozesse für die industrielle Digitalisierung ändern, hat Deutschland beschlossen, einen übergeordneten Standardisierungsrat zu schaffen. Er wird die konsensbasierte Standardisierung der Betriebstechnikwelt mit der konsortienbasierten Arbeit der IT-Welt koordinieren. DXC arbeitet in den zugehörigen Arbeitsgruppen des Standardisierungsrats mit und ich bin Teil des Steuerungsgremiums.


Johannes Diemer ist Mitautor der “Recommendations for implementing the strategic initiative INDUSTRIE 4.0” für die deutsche Bundesregierung.


Das vollständige Interview mit Johannes Diemer erschien auf der englischsprachigen BVEx-Seite.

Helen Beckett is the Community Manager of the Business Value Exchange. She has been a writer and editor for over 20 years and takes a particular interest in the challenges facing the CIO in today’s business climate.